Die vergessene Generation des Ostens

Sie war nie Thema in den Medien und sie ist es auch heute nicht. Nur ab und zu findet sie einen schwachen Widerhall in der Öffentlichkeit. Sie ist es aber, die im Osten nach den Worten von Petra Köpping, sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration, ruft:

„Integriert doch erst mal uns!“

Die deutsche Wiedervereinigung war in Wirklichkeit ein Anschluss der DDR an die Bundesrepublik Deutschland. Von Westen aus gesehen war es eine Rettungsaktion unter eigenen Opfern, von Osten aus gesehen war es eine feindliche Übernahme.

Und diese feindliche Übernahme hat zu einer flächendeckenden Deindustrialisierung des Ostens geführt. Die Rendite haben kapitalkräftige Anleger und Marktbereiniger aus dem Westen eingefahren, die Zeche hat die „vergessene Generation des Ostens“ bezahlt, die plötzlich keine Möglichkeit mehr zur angemessenen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben hatte. Das waren diejenigen, die zu Wendezeiten zu alt für den Arbeitsmarkt, aber zu jung für die Rente waren. Sie selbst haben nicht protestiert, 50-jährige machen keine Revolution. Aber eines Tages standen sie auf dem Dresdner Altmarkt und es war ihnen egal, welcher geächteten Gruppierung die Redner angehörten, solange diese endlich das aussprachen, was die Leute bedrückte.

Über die Tiefe der Umbrüche, die durch Transferzahlungen nur in ihren materiellen Auswirkungen gemildert wurden, psychisch aber die komplette Wüste einer gedemütigten Generation hinterlassen haben, macht man sich im Westen immer noch Illusionen. Denn Selbstverantwortung hat dort ihre Grenzen, wo Ressourcen fehlten: Kenntnisse der westlichen Strukturen und Gepflogenheiten, der Beziehungsnetze, aktuell und sofort verwertbare gefragte Qualifikationen und vor allem: ein passendes Alter für die Bewerbung. So wurden die Ostler nur zur Dumpingbedrohung gegenüber arrivierten westlichen Arbeitnehmern, was ihnen diese bis heute nicht verziehen haben.

Auch im Osten gilt: der Westen besitzt, der Osten dient – wenn er denn überhaupt Arbeit hat. Alle erfolgreichen Betriebe im Osten, die es heute noch gibt, gehören westlichen Eigentümern, von Immobilien ganz zu schweigen.

Im Endeffekt haben die Jüngeren profitiert und die alten Kader, die ihr Herrschaftswissen monetarisieren konnten sowie die Kapitalanleger aus dem Westen, die günstig an Immobilien kamen. Die Verlierer wurden nur vom braven Steuerzahler West alimentiert, was den Vorteil hatte, daß sich die breite Bevölkerung Ost und West in die Haare kriegte und die wahren Profiteure, die meisten davon aus dem Westen, unerkannt blieben.

Dies ist die eigentliche Ursache für das, was heute meistens als Rechtspopulismus im Osten bezeichnet wird: es ist die unbewältigte deutsche Vereinigung, die nur oberflächlich gelungen ist. Der Frust im Osten ist nach wie vor riesengroß. Und er wird nicht gerade kleiner dadurch, dass man plötzlich neue Konkurrenz bei den benötigten Transferleistungen und auf dem engen Arbeitsmarkt für sich selbst sieht.

Es betrifft jetzt auch die Leute, die mit Minirenten nach 25 Jahren MacJobs ihr Dasein fristen müssen. Und die wählen vermehrt AfD, beispielsweise. Denen ist das Parteiprogramm völlig egal, sie merken nur eins: die AfD ärgert den Westen, also wird sie gewählt.

Der Osten hat sehr schnell begriffen, was den Mainstream im Westen ausmacht. Selbst die Grünen sind ja inzwischen materiell arriviert. Die PDS und die Linke sind weitestgehend wirkungslos geblieben, aber auf dem rechten Hühnerauge reagiert die Gesellschaft noch. Deshalb wird so vehement im Osten darauf getreten.

Die Folgen der verpfuschten Vereinigung sind im Osten zu besichtigen. Hier überlagern sich die kaum oberflächlich bewältigten Verwerfungen der Vereinigung und die Flüchtlingskrise. Die Politik setzt darauf, daß die Zeit darüber hinweggehen wird, was realistisch ist. Das betrifft aber nur den Ost-West-Gegensatz, hinsichtlich der Flüchtlingskrise wird das dicke Ende noch kommen, und wieder werden sich die Auswirkungen zuerst im Osten zeigen.

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