Was ist bürgerlich?

Gauland schreibt in der „Welt“ einen Artikel zum Thema „Was ist bürgerlich“, Chefredakteur Poschardt antwortet. Aber die Antwort ist hochtrabend, falsch, ideologisch, demagogisch, dämonisierend und beruht auf falschen Annahmen und Unterstellungen. So zum Beispiel auf der, Gauland habe den Faschismus verharmlost.

Alexander Gauland – tweedig, Jaguar fahrend, hundebeschlipst – ist ein ideales Beispiel. Mit seinem Spruch vom „Vogelschiss“ in der Geschichte hat er alle Deutschen beschämt, zumindest jene, die wissen, dass die Jahre 1933 bis 1945 einen an Barbarei, Menschenverachtung, Entmenschlichung und Bestialität kaum zu überbietenden Zivilisationsbruch darstellen, von dem sich die Deutschen, die Verantwortung übernehmen wollen, genauso wenig erholen wollen wie jene, die einfach nur in tiefer Scham verharren – nicht nur, wenn sie an Synagogen, Schwulenklubs oder den Gräbern stolzer unbeugsamer Sozialdemokraten stehen, die von den Nazis abgeschlachtet wurden.

Da lohnt sich schon ein Blick in den Zusammenhang der inkriminierten „Vogelschiss“-Rede:

„Ja, wir bekennen uns zu unserer Verantwortung für die 12 Jahre. Aber, liebe Freunde, Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte. Und die großen Gestalten der Vergangenheit von Karl dem Großen über Karl V. bis zu Bismarck sind der Maßstab, an dem wir unser Handeln ausrichten müssen. Gerade weil wir die Verantwortung für die 12 Jahre übernommen haben, haben wir jedes Recht den Stauferkaiser Friedrich II., der in Palermo ruht, zu bewundern. Der Bamberger Reiter gehört zu uns wie die Stifterfiguren des Naumburger Doms.

Liebe Freunde, denken wir immer daran, dass ein deutscher Jude, Ernst Kantorowicz, den Ruhm des Stauferkaisers beschrieben hat. Nein, der Islam gehört nicht zu uns. Unsere Vorfahren haben ihn 1683 vor Wien besiegt. Aber das deutsche Judentum von Ballin und Bleichröder über Rathenau und Kantorowicz war Teil einer deutschen Heldengeschichte, die Hitler vernichten wollte.

Liebe Freunde, uns muss man nicht vom Unwert des Nationalsozialismus überzeugen. Wir haben diesen Unwert im Blut. Aber, liebe Freunde, wer eine Rot-Kreuz-Flagge aus den letzten Tages des Kampfes um Berlin entsorgt, hat keine Achtung vor soldatischen Traditionen, die es jenseits der Verbrechen auch in der Wehrmacht gab.“

Soweit die Originalrede von Alexander Gauland.

„Ja, wir bekennen uns zu unserer Verantwortung für die 12 Jahre …

…. liebe Freunde, uns muss man nicht vom Unwert des Nationalsozialismus überzeugen. Wir haben diesen Unwert im Blut …

… Aber das deutsche Judentum von Ballin und Bleichröder über Rathenau und Kantorowicz war Teil einer deutschen Heldengeschichte, die Hitler vernichten wollte.“

Reden so Nazis?  Gauland hat sich eindeutig auf die Zeitdauer des Hitlerregimes bezogen. Man muss schon sehr böswillig sein, hier eine Verharmlosung des Nationalsozialismus zu erkennen. Eher besteht die Leistung Gaulands darin, die deutsche Geschichte eben nicht nur auf diese verbrecherischen zwölf Jahre zu reduzieren.

Auch in diesen zwölf Jahren haben Menschen gelebt, haben ihren Nachbarn geholfen, haben ihre Arbeit getan, haben ihre Kinder großgezogen, den Juden nebenan nicht an die Gestapo ausgeliefert, haben Widerstand geübt oder auch Zivilcourage bewiesen, wie der Kommandant eines deutschen U-Bootes namens Werner Lott, der aufgebrachte Matrosen des Gegners an Bord nahm und auf  neutralem Territorium an der irischen Küste absetzte, statt sie wie vorgeschrieben als Kriegsgefangene im faschistischen Deutschland abzuliefern. Dafür wurde er degradiert. Mein verstorbener Onkel war Offizier auf diesem U-Boot.

Und mein Großvater mütterlicherseits, Schuldirektor, zwangsweise Mitglied der NSDAP, hat sich eine Kugel in den Kopf geschossen. Nicht, als 1945 die Nazis am Ende waren, sondern als sie im Frühjahr 1940 auf dem Höhepunkt ihrer Macht standen. Er hatte wohl mehr an seinem Land gelitten, als er ertragen konnte. Meine Mutter hat ihn gefunden, zeitlebens hat sie darüber nicht gesprochen.

Gaulands Rede ist keine Relativierung des verbrecherischen Nationalsozialismus, sie ist im Gegenteil geschichtsbewußt. Geschichte beinhaltet alles, Verbrechen, Versagen, Alltag, Arbeit, Widerstand, Heldentaten, einfache Zeichen von Menschlichkeit und große kollektive Leistungen eines Volkes. Aber eben nicht nur Verbrechen, genauso wie sich die Existenz der DDR nicht auf die Existenz von Unrecht reduzieren lässt. Zur Geschichte gehört auch die Lebensleistung der damals lebenden Menschen, aller, auch der, die Hitler nicht gewählt oder Honnecker nicht gewollt hatten. Nicht alle sind der jeweiligen Macht in den Allerwertesten gekrochen und viele haben sie einfach ignoriert und ihr Möglichstes getan, das, was sie für ihre Pflicht oder Aufgabe hielten. Und genau das meint Gauland.

Porschardts Argumentation wiederum fußt genau auf einer solchen falschen Reduktion. Ewige Scham, Herr Poschardt? Nein, tut mir leid, die Kreuzritter sind uns heute auch nicht mehr peinlich. Was dann? Ewiges Wissen darüber und Lehren ziehen.  Zum Beispiel, dass ein Verbrechen im Namen eines Glaubens oder einer Ideologie ein Verbrechen bleibt. Und Verantwortung übernehmen. Genau das ist geschehen, auch wenn jetzt der Faschismus mit Intoleranz und Ausgrenzung von links um die Ecke lugt. Und aus diesem Konsens schert auch die AfD nicht aus.

Poschardt spricht der AfD schlicht die Bürgerlichkeit ab mit dem Hauptargument, dass diese den Nationalsozialismus verharmlose (er betont das mehrfach und bezieht sich immer wieder nur auf das inkriminierte Zitat) und sich nicht genug gegen rechts abgrenze. Außerdem behauptet er, Gauland habe sich nicht entschuldigt, was definitiv falsch ist:

„Ich habe nichts bagatellisieren, sondern die moralische Verkommenheit ausdrücken wollen“. Wegen des NS-Regimes habe es 50 Millionen Tote und darunter sechs Millionen Juden gegeben. „Dieses furchtbare Missverhältnis kann mit dem von mir verwendeten Begriff nicht ausgedrückt werden“.

Wenn das keine Entschuldigung ist, was ist es dann? Deshalb habe ich oben die gesamte Rede eingefügt. So kann sich der Leser selbst ein Bild machen.

Aber auch das zweite Argument der fehlenden Abgrenzung sticht nicht. Die AfD hat eine  Unvereinbarkeitsliste gegen extremistische, auch rechtsradikale Organisationen. Dieses Papier umfaßt insgesamt mehr als 400 Organisationen. Meines Wissens gibt es keine zweite Partei, die das tut, schon gar nicht die Linke oder die Grünen. Die AfD ist sich durchaus der Gefahr bewußt, von rechts außen unterwandert zu werden und unternimmt entsprechende Abgrenzungsmaßnahmen.

Rechtsextremisten und Neonazis haben also regelhaft in der AfD keinen Platz. Sicher ist ohne Diskussion klar, dass die AfD auf Rechtsextremisten eine gewisse Anziehungskraft hat, erwarten sie doch in dieser Partei die Chance, öffentlich besser sichtbar zu werden. Gerade deshalb ist eine Unvereinbarkeitsliste notwendig, diese Prüfung erfolgt bei jedem neuen Parteieintritt. Und es kann auch Ausschlüsse geben, sogar eine Landesvorsitzende musste vor kurzem die Partei verlassen.

Eine pauschale Unterstellung der fehlenden Abgrenzung gegen rechtsextrem ist also falsch, die AfD kann über dieses ihr ständig hingehalten Stöckchen gar nicht so oft springen, wie sie es tun müsste – der nächste Vorwurf wäre dann, dass diese Abgrenzung ja grade bestätigen würde, dass in Wirklichkeit eben doch der Rechtsextremismus seinen Platz in dieser Partei hätte. Das ist aber definitiv nicht der Fall. Weder das Programm, noch die Vertreter, noch die Mitglieder sind rechtsextrem.

Dass man natürlich immer wieder versucht, ihr das anzuhängen, gehört zum politischen Kampf. Die Methode ist immer dieselbe: Jemand wird im Bewusstsein der Öffentlichkeit als rechtsextrem oder neonazistisch (man unterscheidet da nicht so genau) verankert (zum Beispiel Höcke, die Identitäre Bewegung, der Verleger Kubitscheck, bei Wikipedia,  einer der wichtigsten Informationsquellen heutzutage, beispielsweise wird systematisch versucht, solche Stereotype festzuschreiben), und dann zieht das Kreise.

Hat man die Ursprungsperson oder -organisation solchermaßen festgelegt,  werden sämtliche Kontaktpersonen, alle Freunde, zur Not jeder, der mal bei einer Veranstaltung oder auf derselben Demo war oder gar (ganz schlimm) als Gast an einer Diskussion teilgenommen hat, als rechtsextrem gebrandmarkt.  So versucht man, Tabuzonen zu errichten und auszuweiten.

Dies allerdings wird der Wahrheit nicht nur nicht gerecht, sondern treibt genau die Spaltung der Gesellschaft voran, die man mit Krokodilstränen immer beklagt. Es ist eine Fleißarbeit, die Porschardt abgeliefert hat, sie kommt mir als ehemaligem Musiker mehr vor wie eine Auftragskomposition, die man für den Broterwerb abliefert, nicht aus Passion geschrieben und daher auch nicht überzeugend.

3 Kommentare zu „Was ist bürgerlich?

  1. Ja, Herr Poschardt scheint mit seiner Antwort auch sehr gut ins Bild zu passen, das man heute allenthalben von den Medien bekommt. Voll auf Regierungsschiene, Scheuklappe auf dem linken Auge und, aus welchen Gründen auch immer, brunnenvergiftend dem unbedarften Volk erzählen, was heutzutage allein richtig ist. Die Herangehensweise ist genau so alt wie durchschaubar: Erst mal den Gegner diskreditieren und/oder verächtlich machen, dann über ihn herziehen. Oder was hat sonst die erste Ausführung in seiner Antwort nach dem „Vorwort“ -„Alexander Gauland – tweedig, Jaguar fahrend, hundebeschlipst“- für einen Sinn in einer (objektiven) Aufarbeitung? Oder würde Herr Porschardt auch ganz gerne einen „Jaguar“ fahren, kann es aber nicht?

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  2. Sehr gute und korrekte Darstellung, Herr Stamer. Aber leider lesen diese deutlichst weniger Menschen als all die verzerrten, ausgeschnittenen, böswilillgen Kommentare einer Klientel, die nur auf derart zugeworfene Futterbrocken sehnlichst wartet.

    Hätte Herr Gauland anstelle des „Vogelschiss“ doch nur das Wort „Wimpernschlag“ gebraucht. Sicher wäre auch das nach Sudel Edes Methoden von den Häschern ausgeschlachtet worden. aber die Diffamierung wäre denen nicht ganz so leicht gefallen.

    Ist es auch eine Verharmlosung von Nazi Verbrechen, wenn man erwähnt, wie es neulich der Ex CDU Bundestagsabgeordnete und Afrikaner, Herr Huber, bei Maischberger tat, dass im Kongo durch belgische Truppen währendd der Kolonialzeit 12 Millionen Einwohner ums Leben kamen? Doch sicher nicht, aber warum nur werden immer allein die Verbrechen der Nazis hervor geholt, und zwar umso intensiver, je länger diese zurückliegen?

    Adenauer hatte bekanntlich keinerlei Skrupel, einen der übelsten Schreibtischtäter, den Mitautor und Kommentator der mörderischen Nürnberger Rassegesetze, Hans Globke, zu seinem Staatssekretär und damit zu einem der höchsten Beamten der Bundesrepublik Deutschland zu machen. Hinzu kam eine Vielzahl Ex NSDAP Mitglieder im Deutschen Bundestag und den Länderparlamenten. Und die waren beim Eintritt junge Leute und wurden sicher nicht gezwungen, der Partei der Mörder beizutreten.

    Käme ein irrer Linker auf die Idee, bevor er ein Massaker begeht, einer linken Partei oder Person eine Geldspende zu überweisen, würde man die Empfänger dann auch mithaftbar machen und Haussuchungen anordnen, wie bei Martin Sellner von den Identitären geschehen?

    Was die angeblichen oder tatsächlichen Verbechen der Wehrmacht betrifft, hier mal ein Auszug aus dem Vorwort zum Buch „Der letzte Kampf“ (Schlacht um Berlin), geschrieben von keinem Geringeren als Alt Bundekanzler Willy Brandt. Aber wahrscheinlich sehen einige unbedarfte Linksirre, die beim Geschichtsunterricht öfter mal fehlten, den auch schon als Nazi.

    Zitat: “ Cornelius Ryan verdient besondere Anerkennung dafür, dass er dem anständigen deutschen Soldaten Gerechtigkeit widerfahren lässt. Und vor allem auch dafür, dass er das tödlich bedrohte Leben von Berlinern so klar und bewegend eingefangen hat. (…….)
    Wer miterlebt und mitentschieden hat, wie die größte Trümmerwüste in diesem Teil der Welt mit neuem Leben erfüllt wurde, der muss hoffen, dass die Lehren von 1945 – und der Jahre, die dort hinführten – nicht verloren gehen; der ist auch empfänglich für die Frage, ob der eigentliche Sieg nicht noch aussteht.“

    Hier mag nun jeder heute lebende Mensch seine eigenen Schlüsse draus ziehen, die sicher extrem gegensätzlich ausfallen werden. Die Geschichte wird zeigen, welche Meinung die Richtige ist.

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