Wikipedias Lüge

Auf reitschuster.de schrieb mir ein Wolf Melzer:

Sie schreiben, nicht per se sei Höcke dem rechten Rand zuzuordnen, sondern erst durch „konzertierte Aktion der Medien“ sei das geschehen? Ob Höcke (und seine Anhänger) Ihnen diesen Weißwaschversuch danken werden? Vermutlich schon! Nur: Zwischen Waschen und Übertünchen besteht ein Unterschied!

Etwas Gutes bewirkt hat Ihr Weißwasch- , beziehungsweise Übertünchungsversuch: Um mehr zu erfahren, als mir zum  Thema Höcke bisher schon bekannt war, habe ich einfach mal Wikipedia aufgerufen. Auch wenn dann Zeit und Ausdauer gefragt ist (32 DIN-A$-Seiten Information, immer gut belegt, und dann noch 20 Seiten Quellenangaben und Links (zum Beispiel auch auf Höcke-Reden): Es hat sich gelohnt! 

Fazit? Etwas bekleckert bei Ihrem Weißwasch-, bzw. Übertünchungsversuch zugunsten Höckes stehen Sie, Hans-Hasso Stamer, nun schon da.

Das Fazit konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. Ein Wikipedia-Sekundärquellenexperte mit Google-Expertise – das hatte mir gerade noch gefehlt. Aber ich hatte doch Lust, ihm wenigstens einmal zu antworten. Die Antwort dokumentiere ich hier. Zunächst ging ich auf Wikipedia ein, die in politischen Fragen keine zuverlässige Quelle darstellt.

Dann schrieb ich noch einen zweiten Post, denn anhand des Buches von Höcke konnte ich ein anschauliches Beispiel bringen, wie Wikipedia manipuliert. In diesem Fall hatten sie konkret in der Besprechung des Buches Höcke Aussagen unterstellt, die er überhaupt nicht geschrieben hat.

Diese stammen nicht von Höcke, sondern von Machiavelli („Der Fürst“). Den erwähnt er zwar, identifiziert sich aber nicht mit ihm, geschweige denn mit diesen Aussagen, die auch nicht an anderer Stelle im Buch zitiert werden. Die Aussage der Wikipedia ist auch deswegen falsch, weil Höcke eben gerade nicht für einen Führer plädiert, sondern für eine „plurale Führung“ durch eine Elite.

Hier meine Antwort im Wortlaut:

@ Wolf Melzer: Nur ein Beispiel für die Manipulation durch Wikipedia. Aus Höckes Buch „Nie zweimal in denselben Fluss“. Hier das Original:

Interviewer: „Aber ist ein Volk überhaupt in der Lage, sich selbst aus dem Sumpf wieder herausziehen?“

Höcke: „Machiavelli bestritt das ja vehement. Er ging von einem »Uomo virtuoso« aus, der nur als alleiniger Inhaber der Staatsmacht ein zerrüttetes Gemeinwesen wieder in Ordnung bringen könne. Aber auch für eine plurale Führung wäre eine enge Kommunikation und Zusammenarbeit mit dem Volk unabdingbar.“

Daraus macht die Wikipedia:

„Im Anschluss an Niccolò Machiavellis Traktat >Der Fürst< von 1513 behauptet Höcke eine Machtenergie („virtù“) des Volkes, die sich besonders in einzelnen Führern („uomo virtuoso“) zeige.“

Höcke fordert in dem Buch aber weder einen Führer, noch spricht er von „Machtenergie des Volkes“. Diese Worte tauchen überhaupt nicht auf, an keiner Stelle.

Stattdessen will er eine „Elite, die fordert und fördert“. Das ist natürlich kein „Führer“ oder „Machtenergie des Volkes“ und läßt sich nicht propagandistisch als Nazi-Sprache verwerten, also bezieht man sich auf den originalen Machiavelli, obwohl sich Höcke mit diesem nicht identifiziert. Merkt ja keiner. Naja, fast keiner. Wikipedia lesen Millionen, Höckes Buch sehr viel weniger. Deshalb werden politische Unterwanderungsversuche auf solche Kommunikationsknoten wie Wikipedia abgestellt. Und Wikipedia ist definitiv politisch links unterwandert.

Der ganze Höcke-Artikel ist eine riesige Fleißarbeit an politischer Desinformation. Das haben keine Amateure geschrieben, das ist vermutlich eine Auftragsarbeit, ein fein verzahntes Geflecht von überprüfbaren und richtigen Fakten, nicht überprüfbaren Behauptungen, absichtsvollen Fehlinterpretationen, Unterstellungen und Lügen. Nur als Ausgangspunkt für tatsächlich ernsthafte Recherchen nutzbar. Und da beschränke ich mich auf das Buch, das mir vorliegt. Und eine eindeutige Lüge reicht schon aus, das ganze Gebäude zum Einsturz zu bringen.

Eine Lüge ist eben, dass Höcke eine „Machtenergie des Volkes“ behauptet habe. Linke Blogs übernehmen diese Lüge natürlich gern, die haben das sicher aus der Wikipedia abgeschrieben, mit dem Bücherlesen haben sie es wohl nicht so. Klingt ja auch irgendwie nach Höckes blumiger Sprache. Deshalb erscheint das erst einmal glaubhaft, wenn man es liest. So ist die Lüge gut erfunden, bleibt aber immer noch eine Lüge. Hier ein solcher Blog, es gibt mit Sicherheit unzählige andere. ‚Link‘

Mir reicht dieses eine Beispiel bereits aus, um den gesamten Text in die Tonne zu treten. Denn wir hatten in der DDR Dutzende von Marxismus – Leninismus –Instituten, ich weiß, wozu eine staatlich unterstützte und gut organisierte Propaganda in der Lage ist. Die haben ähnlich gearbeitet. Ich habe nicht die Ressourcen und auch keine Lust, das alles zu untersuchen. Ich nutze Wikipedia nur für technische und naturwissenschaftliche Fragen oder Who is who. Da bin ich noch nie enttäuscht worden und habe auch schon selber mitgeschrieben.

Ich entschuldige mich schon jetzt, dass ich an dieser Stelle die Diskussion beende. Ich bin sehr krank und muss mir genau überlegen, wo ich mich einmische. Aber das war es mir wert. Nichts provoziert mich mehr als solche Fakes. Und das Bekleckern betrifft wohl eher Sie, der das Ganze nicht durchschaut hat oder auch nicht durchschauen will. Ich finde ja Wikipedia-Experten, die glauben, nach fünf Minuten Googeln etwas zu wissen, immer unterhaltsam.

Schlusswort: Höcke spricht von „fordern und fördern“ – das ist das Hartz-IV-Prinzip. Das hätten unsere Eliten tatsächlich dringend nötig.

Es hat mir Spaß gemacht, in diesen Luftballon zu stechen. Fleißarbeiten, da waren die DDR-Politikinstitute auch immer ganz weit vorn. Ich wurde 40 Jahre lang daran gewöhnt, damit konfrontiert zu sein. Es hat mich nicht verbiegen können, seit dem „Prager Frühling“ (da war ich 18) war der Sozialismus für mich erledigt. 

Zurück zu Höcke: Es gibt tatsächlich noch eine zweite Stelle im Buch, wo er auf Machiavélli eingeht und ein Denkmodell von ihm als geeignet für die Beschreibung der Gegenwart bezeichnet – aber auch hier nicht so, wie in der Wikipedia unterstellt:

Er [Machiavelli]  unterscheidet nur noch zwischen den beiden Phasen einer guten Ordnung und den Phasen des politischen Niedergangs, die sich aufgrund der besonderen menschlichen Natur zwangsläufig abwechseln. Machiavelli fordert »virtú«–politische Ordnungs-und Gestaltungskraft–, um ein Gemeinwesen à la longue vor dem Abstieg zu bewahren. Und Ordnung ist immer eine Anstrengungsleistung, Chaos kommt von ganz alleine. Das gilt so auch für die politische Kultur.

Machiavelli und Höcke fordern politische Gestaltungskraft und Werte, um den Abstieg abzuwenden? Da stimme ich ausdrücklich zu. Das ist einfach nur vernünftig. Aber es zeugt schon von erheblicher Böswilligkeit, daraus eine Nähe zur Nazisprache zu konstruieren, wie Wikipedia unterstellt, oder wie soll man sonst „Führer“ und „Machtenergie des Volkes“ interpretieren?

Klingt es auch seriös und glaubwürdig, so ist es dennoch eine Lüge. Höcke dagegen entwickelt in seinem Buch interessante und diskussionswürdige Gedanken, denen ich vielfach zustimmen kann. Bin ich deshalb einer seiner Anhänger? Nein. Es stört mich nur, dass man sich nicht sachlich mit ihm auseinandersetzt.

Die Wikipedia listet im Quellenanhang mehr als 250 Verweise auf. Davon sind gerade einmal zwei (!) von Höcke selbst. Der Rest ist Sekundärliteratur einschließlich Zeitungsartikel oder Aussagen von Politikwissenschaftlern. So ist ein Quellenstudium praktisch nicht möglich. So etwas kann ich nicht ernstnehmen.

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