Von Taiwan lernen

Taiwan, Stand heute:

– knapp 24 Mio Einwohner
– 429 Coronafälle insgesamt, davon 142 aktiv
– 6 Tote insgesamt
– keine neuen Fälle oder Tote heute
– 60.459 Tests insgesamt

Was haben die besser gemacht als wir? Oder haben sie nur Glück gehabt? Taiwan hat keinen Lockdown ausgeführt. Es laufen alle mit Masken herum, aber das normale gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben läuft weiter.

Glück war es nicht. Es gibt einen regen Flugverkehr und geschäftlichen und touristischen Austausch zwischen Taiwan und China. Taiwan wurde ein katastrophaler Epidemieverlauf vorhergesagt. Er ist aber nicht eingetreten. Es gibt einen entscheidenden Unterschied zu Europa und dem Rest der Welt:

Taiwan war vorbereitet.

Sie haben Lehren aus der SARS-Epidemie 2003 gezogen und damit gerechnet, dass eine solche Epidemie wiederkommt. Deshalb wurden das Gesundheitssystem reorganisiert und für den Fall der Fälle schlagkräftige administrative Strukturen geschaffen.

Deshalb haben sie sofort reagiert, als die ersten Berichte über neuartige Lungenentzündungen aus Wuhan eintrafen und vor Ort weitere Informationen eingeholt. Und dann wurde sofort gehandelt.

Sämtliche Flugpassagiere aus China wurden noch im Flugzeug medizinisch kontrolliert. Kontaktpersonen wurden identifiziert, teilweise auch mit Handydaten-Auswertung, und gegebenenfalls unter Quarantäne gestellt. Dies wurde bei jedem Einzelnen durch zweimal tägliche Anrufe kontrolliert. Und bei Zuwiderhandlungen gab es empfindlich hohe Geldstrafen. Maskenpflicht bestand von Anfang an. Durch den frühen Zeitpunkt ist es offenbar gelungen, praktisch sämtliche Kontaktpersonen zu erfassen und zu isolieren.

Gleichzeitig wurde die Produktion von Schutzmitteln im Lande angekurbelt. Nach Auskunft von Jhy-Wey Shieh, de facto der Botschafter seines Landes in der Bundesrepublik, stellt Taiwan derzeit täglich (!) 15 Millionen Einheiten im Lande selbst her (Masken, Schutzanzüge usw.).

Deshalb hat Taiwan als eines der wenigen Länder auf der Welt die Pandemie im Griff. Vor allem das Einschreiten und konsequente Durchgreifen zu einem sehr frühen Zeitpunkt hat Taiwan Maßnahmen wie in fast allen anderen Ländern der Welt erspart. Sicher, in Asien sind die Bedingungen besser: Die Akzeptanz rigider Maßnahmen aufgrund der Erfahrungen mit SARS ist hoch, die Gesellschaft ist traditionell diszipliniert, libertäre Bürgerrechte haben einen geringeren Stellenwert als im Westen.

Aber tatsächlich stellt sich das in der Pandemie als Vorteil heraus. Westlicher Individualismus erweist sich dabei gegenüber asiatischem Gemeinschaftsgefühl als unterlegen. Beispiel Stoffmasken: die schützen den Träger nur gering, aber sein Umfeld bekommt ggf. viel weniger Viren ab. Wenn dies aber alle tun, nutzt es auch allen. Das ist in Asien der Fall.

Der spätrömisch dekadente Ellenbogenmensch dagegen sagt sich: Warum soll ich eine Maske tragen, wenn sie mich mehr behindert als schützt, nur damit andere sich freuen können? Wenn alle das tun, dann sind auch alle geschützt, diese Überlegung zählt weniger als „Ick niese, wie et mir paßt“.

Was bedeutet das für Deutschland? Es ist letztendlich die Arroganz und Ignoranz gegenüber den fernöstlichen Erfahrungen, die die jetzige schwierige Situation herbeigeführt hat. Es wurde halbherzig gehandelt, Warnungen vor Engpässen wurden in den Wind geschlagen, die üblichen Verdächtigen (AfD, „Populisten“, Verschwörungstheoretiker, Panikmacher) wurden beschuldigt. Und erst im März, zwei Monate zu spät, legte die Kanzlerin den Schalter um und plötzlich ging, was vorher undenkbar war – jetzt aber wesentlich weniger Effekt hat. Und nicht zuletzt zeigt sich auch in dieser Krise das Auseinanderfallen der Gesellschaft, der Mangel an Gemeinschaftsgefühl. Im ruppig-unfreundlichen Berlin läßt sich das gut beobachten.

Nein, Deutschland ist nicht der große Krisenmanager der Welt. Wir sind ein Land, das in Degeneration begriffen ist. Die gegenwärtige Krise bringt es an den Tag und dass es anderen Ländern noch schlechter läuft, macht die Sache nicht besser.

Egal, wie die Krise weitergeht, die Schäden werden unermesslich sein. Wir müssen die Suppe, die wir uns selber eingebrockt haben, auch dadurch, dass wir unfähige Leute an die Spitze des Staates gewählt haben, selber auslöffeln.

Wir hätten vorbereitet sein können. Aber wir waren mit Klimafragen und dem weiteren Auffüllen des Untertanenbestandes unseres bereits überfüllten Landes beschäftigt. Und Angela Merkels größte Sorge war, die EU nach dem Brexit zu retten. Mit anderen Worten: Statt mit den wirklichen Gefahren beschäftigten wir uns mit eingebildeten. Und jetzt ham wa den Salat.

Ich hoffe nur eins: der Wähler nimmt das alles endlich zur Kenntnis. Aber sicher bin ich mir nicht.

Ein Kommentar zu „Von Taiwan lernen

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