Alte Tugenden, neu entdeckt

Aus dem Corona-Newsletter der Berliner Morgenpost:

„Wir können gerade sowieso nicht richtig forschen, da ist Schicht im Schacht“, sagte Michael Bojdys, Professor an der Humboldt-Universität. Seine Kollegen besorgten sich Grundstoffe, um sie selber im Labor des Chemischen Instituts der HU weiterzuverarbeiten und die Krankenhausapotheke zu entlasten. Aus Kanistern, die 1000 Liter Ethanol, also Alkohol, fassen, kippen sie den Hauptrohstoff zusammen mit Wasserstoffperoxid und Glycerin zusammen. „Wir sind Chemiker, wir können das mischen“, sagte der Professor.  Eine tolle Aktion! 

Das erinnert mich, wieder einmal, an die DDR. Damals mussten volkseigene Betriebe aufgrund von industriellen Versorgungsengpässen viele Kleinteile selber bauen. Das ging soweit, dass man Schrauben selber hergestellt hat, zum Beispiel in der betriebseigenen Lehrwerkstatt. Dann hatte man gleichzeitig noch einen Ausbildungseffekt – aus der Not eine Tugend machen.

Auch ich habe in meiner Lehrlingsausbildung als Landmaschinen- und Traktorenschlosser, die parallel zur Erweiterten Oberschule lief, einen etwa daumengroßen Gabelkopf, der bei der Reparatur von Landmaschinen verbaut wurde, in tagelanger Handarbeit aus einem Stück Eisen herausgesägt und herausgefeilt, gebohrt und Gewinde geschnitten, mindestens auf den Zehntelmillimeter genau. Das war eine gründliche Ausbildung und ich habe sie nie bereut, sie hat sich in meinem gesamten späteren Leben vielfach als sehr nützlich erwiesen.

Gleichzeitig habe ich gesehen, wir hart Facharbeiter für ihren Lohn arbeiten mussten. Das war eine Erziehung, die der verbreiteten Arroganz der besser Gebildeten gegenüber den körperlich arbeitenden Schichten der Bevölkerung entgegenwirkte. So etwas würde ich mir im heutigen Bildungssystem auch wünschen, es würde dem gesellschaftlichen Zusammenhalt dienen. Allerdings glaube ich nicht, dass der erwünscht ist: Teile und herrsche.

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