Ein geretteter Tag

Schau das Leben freundlich an, und es lächelt zurück. Dies ist eine Poesiealbum-Weisheit, aber nicht desto trotz gültig. Im Moment geht es mir, gesundheitlich bedingt, nicht gut. Trotzdem zwinge ich mich jeden Tag zu einem Spaziergang. Die Gegend hier ist ziemlich einsam, wenn man sich begegnet, grüßt man sich, auch wenn man sich nicht kennt.

Gestern kam mir auf freiem Feld ein junger Mann entgegen, seine etwa zweijährige Tochter in einem Tragegestell vor der Brust haltend. Ein Hund trottete hinterher. Ich grüßte den Mann freundlich und er grüßte zurück. Der Hund war gut erzogen und ignorierte mich.

Ich ging weiter meines Wegs und hing trüben Gedanken nach. Die schöne Gegend nahm ich kaum wahr. Plötzlich lag vor meinen Augen mitten auf dem Weg ein rosa Strickhandschuh, denn offenbar das Kind verloren hatte. Ich sah mich um: der junge Mann war schon 150 m entfernt. Wäre ich umgekehrt, hätte ich ihn nicht mehr erreicht. Da fiel mir ein, dass ich vor vielen Jahrzehnten mal ganz gut mit den Fingern pfeifen konnte. Es klappte: der Pfiff war so laut, dass ich selbst erschrak und mein Tinnitus aus dem Schlaf erwachte. Aber tatsächlich: der junge Mann, der nur noch als Punkt vor dunkler Baumkulisse am Horizont zu sehen war, blieb stehen. Ich schwenkte beide Arme über dem Kopf wie ein Schiffbrüchiger und er kam langsam zurück. Ich hob den Handschuh auf und ging ihm entgegen.

Als wir uns trafen, bedankte er sich herzlich: „Vielen, vielen Dank!“ Es war nur eine kleine Geste, ein einziger Satz, wenige Sekunden, ein kurzes Freundlichsein, aber ich habe heute noch sein strahlendes Gesicht vor Augen. Und mein Tag war gerettet, ich denke noch heute gerne daran. Mir hilft es gesund zu werden und er hat ein kleines Missgeschick weniger.

Die gesamte Gesellschaft gewinnt, wenn wir uns gegenseitig besser behandeln. Hier draußen funktioniert das noch, es wäre schön, wenn es überall so wäre.

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2 Kommentare zu „Ein geretteter Tag

  1. Ich hätte eventuell daran Spaß gehabt, ihn zu beschämen, zumindest, solange ich keine offene Ablehnung erfahre. Da kann ich dann auch auf stur schalten. Meine Freunde werfen mir manchmal vor, ich wolle sie missionieren. Da haben sie nicht ganz unrecht: auch in diesem Fall steckt das wohl in mir drin 😜. Irgendwie tat er mir auch leid, der Handschuh war ganz nagelneu und sah nicht gebraucht aus. Er lag da wie vom Himmel gefallen.

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  2. Ein sehr schönes Erlebnis, Herr Stamer. Auch in meiner Gegend begrüßen sich einander Unbekannte in der freien Natur.
    Nun stellt sich mir die Frage, angenommen, der Mann hätte auf Ihren Gruß gar nicht reagiert, auch das kommt nämlich leider vor. Was macht man dann? Der Teufel in einem sagt vielleicht, schmeiß den Handschuh abseits in die Büsche, der Kerl hatte kein Benehmen.
    Ich hätte in dem Fall wohl den Handschuh übersehen. Vielleicht kommt der Verlierer ja wieder zurück. Sonst hat er halt Pech gehabt.

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