Lumpenbürger und Schmuddelkinder

Es war einmal ein Junge aus prekären Verhältnissen. Er spielte mit anderen armen Jungs zusammen, den Schmuddelkindern. Seine Eltern sagten zu ihm:

„Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht deren Lieder. Geh doch in die Oberstadt, machs wie deine Brüder!“

Er hörte auf seine Eltern und ging in die Oberstadt. Dort gründete er eine Familie, wurde reich und „nahm jeden Tag ein Bad“. Und nun riet er seinerseits seinem Sohn:

„Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht deren Lieder. Geh doch in die Oberstadt, machs wie deine Brüder.“

Dies ist kein Märchen. Das Zitat ist aus einem Lied von Franz-Josef Degenhardt, geschrieben vor genau 50 Jahren.

Damals war „links“ noch fortschrittlich. Die Schmuddelkinder von einst leben heute in der Oberstadt, wählen grün, SPD oder Linke, arbeiten im Öffentlichen Dienst oder in den Medien und halten sich für etwas Besseres, weil sie die „richtigen“ Ansichten vertreten:  wer anders denkt, kann kein Demokrat sein. Auf die Schmuddelkinder von heute schauen sie herab wie eh und je. Nur, dass inzwischen schon die falsche Meinung oder der falsche Tischnachbar zur Ausgrenzung führen.

Derartige Opportunisten nannte man früher, auf das Proletariat bezogen, „Lumpenproletariat“. Vielleicht sollte man heute von Lumpenbürgern sprechen: selbstgefällig, intolerant und latent faschistoid.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.