Westsatire

Was ist das?  Satire?

„Das Problem vieler Ostdeutscher ist nicht etwa, dass man sie zu Opfern stilisiert – sondern dass sie auf niemanden mehr herabsehen können. Das haben sie mit den Wählern von Donald Trump gemein.“

Wenn ich dort noch schreiben dürfte (aber ich bin ja in der Schweigespirale) hätte ich entgegnet: Doch, sie können noch auf jemanden herabsehen. Auf den Schreiber solcher sinnbefreiten Zeilen zum Beispiel.

Aber das wäre nur Polemik. Ernsthaft schlimm ist, dass im Jahre 2019 noch solche simplen, vermutlich für die westlich-linksdrehende Seele gedachten, kathartischen Erklärungsmuster Konjunktur haben, die an Ressentiment nicht zu überbieten sind, was bedeutet: Die Blasenbildung ist gerade im Bereich des Journalismus noch nicht abgeschlossen.

Immer dann, wenn die Erklärung eines Phänomens (hier das  AfD-Wahlergebnis bei den Jüngeren – die die DDR übrigens gar nicht mehr erlebt haben) mit dem gängigen Weltbild nicht konform geht, kommen solche Flachdenker aus ihren Löchern gekrochen. Dabei geht es nur darum, dass der Widerstand im Osten gegen den gesellschaftlichen Weg, der vom Westen mehrheitlich bestimmt wird, auffallend groß ist und sich dies eben, zum Missvergnügen der westdeutschen Meinungselite, auch politisch artikuliert. Die Zeit der Minderwertigkeitskomplexe ist im Osten aber schon lange vorbei.

Eigentlich ist solcherlei Küchenpsychologie aus den Anfangstagen der wiedervereinigten Republik ja schon fast lustig. Nur mit Humor kann man das alles noch ertragen. Die Westsatire ist auch nicht mehr das, was sie mal war.

Nachtrag: Ein bißchen Geschichtsklitterung darf auch nicht fehlen: „Die DDR-Geschichte geht natürlich anders. Es ist heute beinahe vergessen, aber innerhalb des Ostblocks waren DDR-Bürger Könige.“ Und dann erzählt der Autor, daß die DDR-Bürger die „reichsten“ unter den Ostblockangehörigen waren.

Das habe ich anders in Erinnerung. “Reichtum” spielte überhaupt keine Rolle. Das Geld war ja überall gleich wenig wert. King war dagegen, wer in den Westen reisen durfte, und das durften zum Beispiel die Ungarn alle paar Jahre, wie ich von meinem Sohn wusste, der in Ungarn aufgewachsen ist. Ich war immer stolz darauf, wenn ich wegen ein paar tschechischer Sprachkenntnisse im „sozialistischen Ausland“ für einen Tschechen gehalten wurde. Meine DDR-Identität habe ich überhaupt nicht geliebt und so richtig als Ostdeutscher habe ich mich erst nach der Vereinigung gefühlt. Dass die DDR-Bürger auf andere Ostblockstaaten herabgesehen hätten, habe ich nicht erlebt. Ich fühlte mich sowohl in Polen, als auch in der ČSSR und auch in Bulgarien wohler als in der DDR.

Ein Kommentar zu „Westsatire

  1. Es gibt Menschen, die anderen Polemik und Spalterei vorwerfen, die aber sich selbst endlich mal wieder einen längeren Blick auf ihr Spiegelbild gönnen sollten. Wer das aus vielerlei Gründen nicht erträgt, mag wenigstens lieber schweigen.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..