Die ARD erforscht den ostdeutschen Wähler

Dieser Moment, wo ein Gefühl der Abgehängtheit wie eine Fata Morgana durch den Raum schwebt … Anne Will versuchte gestern mit ihrer Runde, den ostdeutschen Wähler, das unbekannte Wesen, zu erforschen. Dass der auf einmal nach 30 Jahren möpfig wird, wer hat dem denn das erlaubt?

Vor allem der Zeit-Journalist Machowecz ließ eine für westliche Verhältnisse schon üppige Portion Verständnis heraushängen. Er finde es gut, jetzt über die Probleme und Empfindungen der Menschen im Osten zu sprechen. Die Ostdeutschen hätten diese Offenheit über ihr Gefühl des Abgehängtseins zu reden erst einmal lernen müssen.

Da ist mir vor Lachen fast die Popcorntüte aus der Hand gefallen. Ich erinnere mich noch genau an die Neunzigerjahre, als ich versuchte, über „dieses Gefühl der Abgehängtheit“ (oder doch eher tatsächliches Abgehängtsein?) zu reden, zwar nicht mit der „Zeit“, aber mit dem „Spiegel“.

Ich hatte einen Leserbrief an das Hauptstadtbüro geschrieben und darum gebeten, doch einmal das Schicksal der Generation der ostdeutschen über 40-Jährigen nach der Wende aufzugreifen, die es im neuen Deutschland eben reihenweise nicht schafften, da beispielsweise ihre Bewerbungsschreiben wegen zu hohen Alters und dauerhaften Überangebots regelmäßig in der Rundablage landeten.

Das war damals so ein Tabu wie heute die Messerangriffe durch Flüchtlinge. Es hat auch schon früher Versuche gegeben, den Journalismus  auf wichtige Themen hinzuweisen, ein Lernprozess war da bei den Ostdeutschen nicht nötig, wohl aber bei den Journalisten zwischen Hamburg, Berlin und München.

Aber auch heute wird nicht darüber geschrieben, was aus den einzelnen Berufsgruppen, was aus den vielen abgewickelten Beschäftigten der abgewickelten Industrie der DDR nach der Wende wirklich konkret geworden war. In welchen Billigjobs die gelandet waren, wenn sie denn überhaupt welche hatten. Es wird nur allgemein von „gebrochenen Lebensläufen“ geschwafelt, aber nur keine Einzelheiten nennen, denn: Gefährlich ist‘s, den Leu zu wecken, wußte schon Friedrich Schiller, den man auch als Ossi aus dem Schulunterricht, damals noch ohne Stundenausfall wegen Greta, kannte.

Damals ist ein riesiges Potenzial verschenkt worden und jetzt, Jahrzehnte später, sind diese Leute Rentner, haben sehr wenig Rente, aber viel Zeit und laufen bei Pegida mit. Dass sie auch AfD wählen, brauche ich wohl nicht extra zu betonen.

Das kommt mir vor wie ein Blinde-Kuh-Spiel: die Journalisten tappen mit verbundenen Augen herum und alle gucken zu. Sie weisen zum Beispiel auf die toll sanierten Innenstädte in Ostdeutschland hin, fragen aber nicht, wem die Häuser und Hotels gehören. Hinweis: Ostdeutsche sind es in der Regel nicht – die waren nicht kreditwürdig. Auch „Rückgabe vor Entschädigung“ bereicherte nur Alteigentümer bzw. deren Erben westlich der Elbe.

Eine Antwort habe ich auf meinen damaligen Leserbrief übrigens nicht bekommen. Für den „Spiegel“ war es wohl die irrelevante Zuschrift eines Jammerossis. Die Deutungshoheit über ostdeutsche Realitäten und Befindlichkeiten liegt nach wie vor im Westen.

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