Das Verschweigen der Wahrheit hat einen Preis

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Quelle: Pixabay

Als ich als Elektronikmusiker Mitte der Achziger Jahre zusammen mit einem Redakteur des Jugendmagazins des DDR-Rundfunks eine Beitragsserie über Musikelektronik plante, mußten wir der verantwortlichen Abteilungsleiterin zusichern, das Wort „Computer“ nicht in den Mund zu nehmen. Aus heutiger Sicht erscheint dies abstrus, aber damals entsprach es der politischen Linie. Im Westen wurde gerade der Commodore C 64 populär und die DDR hatte dem nichts entgegenzusetzen.

Mit Einführung des nach offizieller Sprachregelung „Kleincomputers“ Robotron KC 87 erging ein Ministerratsbeschluß, der die jugendpolitische Linie änderte, die staatliche Jugendorganisation FDJ stellte sich an die „Spitze der Bewegung“, alle Medien zogen mit und wir durften fortan sogar eine eigene Computersendung produzieren.

Es war die Angst vor der Wahrheit, die der eigenen Linie schaden könnte.

An solcherlei Sprachregelungen und Tabus erinnerte mich vor ein paar Tagen ein Artikel in der „Welt“. Es ging um die jüngste Auswanderungswelle deutscher Juden nach Israel, die inzwischen einen neuen Gipfel erreicht hat und dank der Dokumentation über Antisemitismus in Europa, die der WDR im vergangenen Jahr widerstrebend doch noch ausgestrahlt hatte, auch aus Frankreich bekannt ist. Junge Juden verlassen in immer größerer Zahl vor allem wegen des wachsenden Antisemitismus das Land, daraus machen sie keinen Hehl. Dies ist eine Entwicklung, die wachrütteln sollte und die zutiefst beschämt und wütend macht. Denn Auswanderungswellen sind, wie auch schon 1989, auch immer eine Abstimmung über die Politik eines Landes – so handelt, wer im eigenen Land keine Zukunft mehr sieht. Hier geht zum zweiten Mal in der Geschichte ein unersetzlicher Teil von Deutschlands Zukunft verloren.

Für den Artikel in der „Welt“ gilt dasselbe wie für die übrigen Mainstreammedien:

Obwohl der Anstieg des Antisemitismus in Deutschland – siehe unten – ausschließlich auf den gestiegenen Anteil muslimischer Migranten und die Erfahrungen junger Juden damit, zum Beispiel in den Schulklassen, zurückzuführen ist, tut man alles, um diesen Anstieg den politisch Rechten zuzuschieben.  Die eigentliche Ursache bleibt ein Tabu – sie könnte ja „instrumentalisiert“ werden und die Abneigung in Teilen der Bevölkerung gegenüber dem Islam verstärken. Das aber will man, um die Akzeptanz der zunehmenden muslimischen Zuwanderung, die zusammen mit deren höherer Geburtenrate zu einem weiter steigenden muslimischen Bevölkerungsanteil führt, um jeden Preis verhindern – wenn es sein muß, auf Kosten der Wahrheit.

So wird ein „Vordringen des Antisemitismus in die Mitte der Gesellschaft“ behauptet, und damit unterstellt, daß die einheimische Bevölkerung antisemitischer geworden sei. Dies ist aber durch nichts zu belegen, nach Befragungen geht die Zustimmung zu antisemitischen Positionen und Aussagen sogar zurück. Die Universität Giessen hat diese von 1945 bis 1998 dokumentiert, sie reduzierte sich von 1952 bis 1998 von mehr als einem Drittel der Bevölkerung bis auf ein Zehntel, die Zahl antisemitischer Straftaten geht weiter zurück, z.B. 2018 in Thüringen.

Die Zunahme des Antisemitismus muß also andere Ursachen haben. Die Zeitung „Jüdische Allgemeine“ redet Klartext:

„Ein Meilenstein in der wissenschaftlichen Untersuchung des Phänomens ist das neue Buch des Historikers Günther Jikeli, des führenden deutschen Experten zum Thema. Jikeli ist seit 2013 Permanent Fellow am Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam und Mitgründer des International Institute for Education and Research on Antisemitism (IIBSA) in London und Berlin. Sein Buch hat das Potenzial, zum Standardwerk zu werden.

In den ersten beiden Kapiteln liefert Jikeli einen Überblick über die Fragestellung und den aktuellen Forschungsstand. Der Befund scheint einhellig und düster: Der Antisemitismus ist ein verbreitetes und virulentes Phänomen unter europäischen Muslimen. So sind sie gegenüber Juden zwei‐ bis achtmal negativer eingestellt als Nichtmuslime.“

Allerdings gibt es eine breite Front von Publikationen, die keine Zunahme des Antisemitismus durch die jüngste Einwanderungswelle sehen, vornehmlich in linksgerichteten Zeitungen wie „taz“, „Zeit“, „Spiegel“, „Süddeutscher Zeitung“ und Frankfurter Rundschau. Diese Sicht wird durch eine allerdings auch heftig kritisierte EVZ-Studie „Antisemitismus und Immigration im heutigen Westeuropa. Gibt es einen Zusammenhang?“ bestätigt. Sie entspricht der Linie, den Zusammenhang mit der Einwanderungswelle zu ignorieren und zu leugnen, was wiederum von Wissenschaftlern und Islamkritikern in Abrede gestellt wird.

Muslimischer Antisemitismus wird, wenn in den Medien überhaupt zugegeben, sofort relativiert. Dabei ist aber beispielsweise die offizielle polizeiliche Kriminalstatistik PKS, die 90 % aller antisemitischen Delikte dem rechten Spektrum zuordnet, keine Hilfe, denn nicht durch Aufklärung zuordenbare Delikte, also die Mehrzahl, werden automatisch als „rechtsmotiviert“ klassifiziert. Die Auswertung der medial gemeldeten Gewalttaten gegen Juden vermittele dagegen „ein eindeutiges Bild“, so der Historiker Prof. Michael Wolfssohn:

„Bei empirischer antijüdischer Gewalt der letzten Jahre sind fast alle Täter Muslime.“

Die Deutsche Welle immerhin läßt vorsichtig die Wahrheit durchblicken. Auch prominente Islamkritiker, wie Ahmad Mansour, haben schon früh auf das Problem hingewiesen. Allerdings fehlen konkrete Untersuchungen, vermutlich aufgrund des fehlenden „öffentlichen Interesses“, das immer dann konstatiert wird, wenn Untersuchungen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem nicht erwünschten Ergebnis führen würden.

Sehr wohl zu belegen ist aber die Einstellung der Bevölkerung in den Herkunftsländern von Asylbewerbern und Migranten: Dort sind antisemitische Einstellungen nicht nur mehrheitsfähig, sondern bei bis zu über 90 % (siehe Karte) der Bevölkerung vertreten. Judenfeindlichkeit ist in den Nahost-Staaten Bestandteil der Erziehung von frühester Jugend an.

So nahm in der Vergangenheit an deutschen Schulen, wo ein besonders hoher Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund besteht, der Antisemitismus und damit das Mobbing und die Anfeindungen gegen jüdische Schüler enorm zu. Dies führt in anderen europäischen Ländern und nun auch in Deutschland zu einer regelrechten Auswanderungswelle von jungen Juden nach Israel.

Wer allerdings in den oben genannten oder auch in anderen Artikeln nach den Verursachern sucht, wird nicht fündig. Eine genaue Antwort auf die Titelschlagzeile: „Warum junge Juden Deutschland verlassen“ wird nicht gegeben. Immerhin wird eine junge Jüdin so zitiert:

„Ich habe total Angst vor dem muslimischen Antisemitismus. Ich kann nicht einschätzen, wie schlimm das noch wird“.

Dies ist der einzige Hinweis auf den Islam im Artikel, auch das eingebettete Video geht nicht darauf ein. Ansonsten bringt er nur die Unterstellung des angeblich generell gestiegenen Antisemitismus in der „Mitte der Bevölkerung“, die offenbar im Einklang mit der gestern veröffentlichen „Mitte-Studie“  das neue Feindbild gesellschaftlich mehrheitsfähiger Unmoral darstellt.

Immerhin war eine Diskussion möglich, fast alle Poster äußerten sich eindeutig. Meine Kommentare wurden zwar einige Stunden später wieder gelöscht, vermutlich, da die Richtung, nämlich die Massenmigration als eigentliche Ursache anzuprangern, als gemäß Mitte-Studie „gruppenbezogen menschenfeindlich“ eingestuft wurde, aber auch andere Meinungsäußerungen brachten deutlich ihre Ablehnung zum Ausdruck, daß ausgerechnet Deutschland mit seiner historischen Verantwortung gegenüber den Juden massenhaft antisemitisch eingestellte Menschen ins Land läßt und damit die neue Welle des Hasses überhaupt erst möglich macht.

Damit reiht sich die „Welt“ ein in den Tenor der Nebelkerzenwerfer: In dem Artikel über die Welle der Auswanderung junger Juden nach Israel zwar werden Einzelschicksale und die hässliche und gewalttätige Art der Anfeindungen beschrieben, allerdings ohne konkrete Verursacherzuweisung.

Auch NGOs umschiffen geschickt diesen heiklen Punkt: So hat die „Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin“ (Rias) im vergangenen Jahr 1083 antisemitische Vorfälle in Berlin registriert, 14 Prozent mehr als im Vorjahr. Auffällig ist, dass der Antisemitismus häufiger als in den Jahren zuvor „verrohte Formen“ angenommen habe und „direkter“ geworden sei, teilte der Rias-Projektleiter Benjamin Steinitz mit. Womit diese Zunahme zu erklären ist, drauf geht er nicht ein. Damit reiht sich die „Rias“ in die Phalanx der Verharmloser ein, die die gesamte Mainstreampresse sowie die öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk- und Fernsehstationen umfaßt.

Damit macht man sich in Deutschland ein zweites Mal an den Juden schuldig. 

Das ist eine Ungeheuerlichkeit. Und am besten hat sie wohl der verstorbene Karl Lagerfeld formuliert:

„Wir können nicht, selbst wenn Jahrzehnte zwischen den beiden Ereignissen liegen, Millionen Juden töten und Millionen ihrer schlimmsten Feinde ins Land holen.“

Eine wirksame Bekämpfung des muslimischen Antisemitismus läßt sich aber nicht durch noch so zahlreiche Initiativen erreichen, wenn nicht einmal seine Existenz zugegeben wird. Die Juden bezahlen den Preis für dieses Verschweigen – mit Vertreibung.

Gerade unser Land sollte sich der Verantwortung für jüdisches Leben, wie sie zum Beispiel in den bekannten „Stolpersteinen“ zum Ausdruck kommt, bewußt sein. Jeglicher Antisemitismus ist nicht nur abzulehnen, sondern man muß auch die Täter klar benennen, egal, welcher Herkunft oder welchen Glaubens sie sind oder aus welchem politischem Spektrum sie kommen, es gibt keinerlei Rabatt für irgendeine Gruppenzugehörigkeit.

Die Unterstellung, der neue Antismitismus käme genauso wie der alte von rechts, ist eine Lüge. Lügen aus Angst vor der Wahrheit führen jedoch direkt in den Bankerott. Schon die DDR ist vor allem an ihren Lügen pleite gegangen.

3 Kommentare zu „Das Verschweigen der Wahrheit hat einen Preis

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