Die Banane: eine deutsche Karriere

Die beliebte Südfrucht, geschält oder ungeschält, hat eine lange Karriere als politisches Symbol hinter sich. Sie begann zu Wendezeiten vor 30 Jahren. Unvergessen das Titanic-Cover, auf dem eine typische Ostfrau (die in Wirklichkeit aus Rheinland-Pfalz kam, aber halt so aussah), freudestrahlend eine auf Bananenart geschälte Gurke in die Kamera hielt: „Zonen-Gaby im Glück: Meine erste Banane.“

Man konnte darüber herzlich lachen, es aber auch für diffamierend halten, wenn man keinen Humor hat, es grimmig-selbstironisch als Ossi an die Wand pinnen (was wohl viele getan haben) oder nüchtern das Klischee nennen: der leicht zurückgebliebene Ostdeutsche, heiß auf westlichen Konsum und nicht die Folgen bedenkend. Denn jeder anständige Westlinke wusste natürlich, was das kapitalistische Schweinesystem, in dem er sich clever und durchaus komfortabel eingerichtet hatte, wirklich bedeutet und daß die Stasi-Republik in Wirklichkeit die einzig wahre Alternative zu den westdeutschen Berufsverbots-Nazis gewesen wäre, die die tumb-naiven Ostdeutschen gerade mit ihrer Anschlusseuphorie in den Orkus der Geschichte beförderten (aber halt, die Methoden der Stasi sind geblieben und feiern gerade fröhliche Urständ).

Konsequenterweise wahlkämpften die Grünen damals unter dem Motto: „Alle reden von Deutschland, wir reden vom Wetter“ und verloren die Wahl. Otto Schily, in der Wahlnacht zur Rede gestellt, hielt darauhin wortlos wieder die besagte Südfrucht in die Kamera, als er zum Erfolg der CDU im Osten befragt wurde. Diesmal lachte ich nicht, denn ich war überzeugt, daß das Zeitfenster für die Vereinigung von Ost und West nur sehr klein sein würde und die Stasi wäre auch in einer gewandelten DDR nicht untergegangen.

Das ist lange her und ich verkneife mir an dieser Stelle weitergehende Erörterungen über Konsumverhalten und Intelligenz von Ossis und Wessis. Neulich wurde ich aber doch wieder an die Banane erinnert, diesmal von Julia Klöckner, Landwirtschaftsministerin, in einer Faschingssendung.

Diesmal stand die Banane weniger für einen konsumgeilen Osten, sondern für die Demonstration eines besonders gelungenen Framings durch sämtliche etablierten Medien. Das funktioniert inzwischen sogar ebenfalls ohne Worte. Julia Klöckner hielt in ihrer Rede Tomaten in die Kamera, die sie der SPD zuordnete, eine schwarze Brombeere für CDU-Laschet, Paprika für die Linke und eine Zitrone für die FDP. Und am Ende hielt sie schließlich noch eine bereits im fortgeschrittenen Verfallsstadium befindliche Banane hoch, „verfault und ganz braun, die sortier ich am besten gleich amoal weg.“ Lachen und Beifall im Saal.

Es hatte funktioniert. Inzwischen steht die Farbe Braun in den Augen ihrer zahlreichen Gegner für die AfD, die flächendeckend in praktisch jeder medialen Veröffentlichung damit assoziiert wird. Und die Banane ist immer noch das Sinnbild des Ostens, der zunehmend als rechts, rechtsradikal oder rechtsextremistisch dargestellt wird. So zimmert man auch bereits den Deutungsrahmen für die zu erwartenden Erfolge der AfD bei den kommenden Wahlen in diesem Jahr: Osten = AfD = rechts = braun = Nazi.

Aus dem Parteiprogramm lässt sich dies nicht herleiten, also werden immer wieder Äußerungen einzelner Politiker aus dem Zusammenhang gerissen, bedeutungsmäßig aufgeblasen und skandalisiert. Steter Tropfen höhlt den härtesten Stein, wer sich zur AfD bekennt, riskiert inzwischen unter Umständen seinen Job.

Elisabeth Wehling wird ihre Freude daran haben. Sie hat in ihrem berüchtigten ARD-Papier formuliert, daß erfolgreiches Framing langfristig vorbereitet werden müsse. Sinngemäß: Nicht die Argumentation sei dabei entscheidend, sondern die Anzahl der Wiederholungen. Da bin ich also in guter Gesellschaft: „Wie man Wut nach rechts umlenkt“.

Gewisse Framings müssen lange genug vorbereitet und ständig gestärkt werden, dann zeigen sie Wirkung. Die Sündenböcke für die zu erwartende gesellschaftliche Destabilisierung werden bereits jetzt vorausgewählt. Denn es ist ja in Wirklichkeit eine Verdrehung von Ursache und Wirkung – aber das soll im Orkus des Unsagbaren und Undenkbaren verschwinden.

Übrigens kann man auch braune Bananen noch essen. Sie schmecken etwas mehlig, sind aber durchaus genießbar. Möglicherweise ist dies im Westen, wo mehr weggeworfen wird als im Osten, nicht üblich.

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